Lektüre(n)treffen:
Ver_Körpern I: Geschlechtliche und Sexuelle Vielfalt an Schulen

In die Thematik des Treffens stimmten wir uns mit der vorbereitenden Lektüre zu Formen von Drag ein. Zu Beginn des Nachmittags stellten Vertreter*innen einer neu gegründete LSBTIQ*-Arbeitsgruppe der Fritz-Karsen-Schule sich und ihre Aktivitäten vor. Bemerkenswert an der AG ist, dass Lehrkräfte und Schüler*innen sich gemeinsam für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt an ihrer Schule einsetzen und es dafür eigens eine Kontaktperson an der Schule gibt. Die Vertreter*innen – bestehend aus zwei Lehrkräften und einer*einem Schüler*in – wählten eine praktische Übung, um uns dafür zu sensibilisieren, wie vorgegebene Bilder unsere Sichtweise beeinflussen können und wie solche Einübungsmechanismen zu (Un)Sichtbarkeiten, bzw. zu stereotypen Zuschreibungen im Schulalltag beitragen.

In der zweiten Nachmittagshälfte arbeiteten wir gemeinsam mit Prof. Dr. Nanna Lüth zu ihrem Text "Radical Drag! Varianten einer nicht-binären Kunstpädagogik". Wir näherten uns der Lektüre wiederum mit einer Übung an: „The Ten-Minute Gender Outlaw Exercise“ aus Kate Bornsteins My Gender Workbook. Bei dieser Übung geht es darum, sich den Kategorien „Mann“ und „Frau“ über die Befragung anzunähern – gemäß Bornstein mit dem Ziel „to begin poking around in gender“. Ähnlich, wie die Arbeit „Gender, queer – qu’est-ce que c’est?“ des*der gender-variant artists Del La Grace Volcano, werden die vermeintlich selbstverständlichen Zuschreibungen von „männlich“ oder „weiblich“ über das Befragen brüchig. Wir lasen uns die Fragen gegenseitig vor und kamen so in eine angeregte Diskussion darüber, was die Übung bei den jeweiligen Anwesenden an neuen Fragen und produktiver Zweiflerei bewirkt hatte.

Zum Abschluss griff Nanna Lüth zentrale Aspekte und Beispiele aus ihrem eigenen Text heraus, die sie uns entlang von Bildern und Videoausschnitten zeigte und erläuterte. Ausgangspunkt bildete ihre Kritik an der Regel, Personen müssten authentisch sein und wirken, um gute Pädagog*innen zu sein.

Eine solche Anforderung ist für unterschiedlich positionierte Menschen unterschiedlich leicht erfüllbar, da die Wahrnehmung von Authentizität in den meisten Fällen auf der Mehrheitsvorstellung von Normalität beruht. Als Gegenentwurf stellte Nanna Lüth den Begriff Realness vor, der den Moment der Darstellung als entscheidenden Faktor zwischenmenschlicher Kommunikation in den Blick nimmt (vgl. Lüth 2002, 63f).

Subkulturelle Begriffe wie Drag und Style können hierbei helfen, die sozialen Grenzziehungen oder Zuordnungen von modischen Stilen zu reflektieren und normierte Authentizitätsansprüche an die Darstellung von Geschlecht, Sexualität und Herkunft zu enttäuschen. Einige Praxisbeispiele aus dem Kunstunterricht und der kulturellen Bildung dienten zur Veranschaulichung, wie dekonstruktive ästhetische Bildungsarbeit zu den Themen Mode, Aussehen und Körperlichkeit aussehen kann. Darüber hinaus wurden aktuelle Erscheinungen wie die Debatte um Schuluniformen und die Bedeutung von Körper- und Stylepolitiken in Kämpfen um Anerkennung und Gerechtigkeit betrachtet.

Gäste: Vertreter*innen der AG LGBTIQ* der Fritz Karsen Schule, Prof. Dr. Nanna Lüth

Termin: Mittwoch, den 29. November 2017, 14:30 - 18:30 Uhr

Literatur zum Treffen